Wenn Entzündungen im Gehirn die Seele quälen

Depression ist eine komplexe Erkrankung, die Körper und Psyche gleichermaßen beeinflusst. Jüngsten neurowissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge spielt der Körper, konkret das Immunsystem und das Gehirn, eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Krankheitsbildes. Dr. med. Mario Krause, Experte für Funktionelle Medizin und ärztlicher Leiter am Deutschen Zentrum für Individualisierte Prävention und Leistungsverbesserung, sieht Möglichkeiten die bisherige Therapieansätze sinnvoll zu ergänzen.

Die Forschung sucht seit längerem auf verschiedenen Wegen nach Ursachen für die Entstehung von Depressionen. Wissenschaftler konnten vermehrt Hinweise liefern, dass der Ursprung einer Depression nicht allein in der Psyche lokalisiert werden sollte. Eine neurowissenschaftliche Studie am Centre for Addiction and Mental Health (CAMH) in Toronto zeigt erneut einen wichtigen Zusammenhang zwischen Entzündungen des Gehirns und der Intensität einer Depressions-Erkrankung auf. Im Ergebnis stellte das Forschungsteam bei Menschen mit einer klinischen Depression 30 Prozent höhere Entzündungsparameter im Gehirn fest.

Für Dr. Mario Krause ist diese Studie ein wichtiges Argument die medizinische Perspektive in der Praxis zu erweitern. „Depressionen sind nur eine Erkrankung aus einer ganzen Reihe komplexer Krankheiten, bei denen die Suche nach Ursachen die Therapie erfolgreicher machen kann. Klassischerweise konzentriert sich die Medizin auf Symptome. Funktionszusammenhänge im komplexen Wechselspiel der Körpersysteme als mögliche Ursachen für die Entwicklung von Krankheiten stehen im Allgemeinen nicht im Fokus. Gerade die jüngste Studie aus Kanada unterstreicht die Rolle des Immunsystems bei der Entstehung und im Verlauf einer Depression. Die Erkenntnisse der Forscher erweitern die Möglichkeiten der Medizin. Das sollte Anlass genug sein, um einerseits die Ursachenforschung voranzutreiben und andererseits Therapien zu erweitern.“

Die Studie der Toronter Neurowissenschaftler ist nicht die einzige, die Argumente dafür liefert, dass bei Depressionen Entzündungen eine wichtige Rolle spielen. Im Blut von depressiven Patienten konnten schon zuvor wiederholt erhöhte Konzentrationen von Entzündungsmarkern nachgewiesen werden. Auch mittels bildgebender Verfahren wurde festgestellt, dass bestimmte Immunzellen bei Patienten mit Depressionen deutlich aktiver waren als bei den Gesunden.

Zudem besteht nach wissenschaftlichen Erkenntnissen eine Verbindung zwischen Stress und Depressionen. Stress verursacht im Körper eine vermehrte Ausschüttung von Cortisol, wodurch das Immunsystem belastet wird. Je länger die Stressphase andauert, desto mehr verringert sich die Empfindlichkeit des Körpers für den erhöhten Cortisolspiegel. Dies wiederum vergrößert den Einfluss proinflammatorischer Zytokine auf das Immunsystem und den Stoffwechsel.

„Körper und Geist bilden ein sensibles, multi-faktorielles System, dass endogenen und exogenen Einflüssen ausgesetzt ist und darauf reagiert. Insbesondere der Stoffwechsel spielt in diesem System eine wichtige Rolle und kann als Indikator für Störungen des Systems dienen. Ist die Überprüfung der Funktionsfähigkeit des Stoffwechsel ein Teil der Diagnostik kann dies hilfreiche Aufschlüsse über körperliche Wechselwirkungen liefern,“ erläutert Dr. Krause.

Eine ganzheitlich aufgebaute Diagnose und Therapie, die zum Beispiel Stoffwechselstörungen überprüft, Lebensweisen einbezieht und Umweltfaktoren berücksichtigt, bietet nicht nur für die Depression sondern auch für viele andere Krankheitsbilder eine sinnvolle Ergänzung zu einem klassischen Therapieansatz.

Bilderklärung
Stress: Immunreaktion und Depression (a)
Die Aktivierung von NF-KB durch Toll-Ähnliche Rezeptoren (TLR) führt zu einer Entzündungsreaktion, die (b) die Freisetzung der proinflammatorischen Zytokine TNF-α, IL-1 und IL-6 auslöst. (c) Zytokine haben über undichte Bereiche in der Blut-Hirn-Schranke Zugriff auf das Gehirn, auf aktive Transportmoleküle und afferente Nervenfasern (z.B. sensorischer Vagus), die Informationen über den Nucleus tractus solitarius (NTS) weiterleiten. (d) Im Gehirn nehmen Zytokine an Signalwegen (in orange dargestellt) teil, die bekannt dafür sind, an der Entwicklung von Depression beteiligt zu sein.

Einschließlich:
(i) veränderter Stoffwechsel der Neurotransmitter Serotonin (5-HT) und Dopamin (DA)
(ii) Aktivierung von CRH und Produktion und / oder Freisetzung von ACTH und Glucocorticoide (Cortisol)
(iii) Störung der synaptischen Plastizität durch Veränderungen in relevanten Wachstumsfaktoren [z.B. aus dem Gehirn stammender neurotropher Faktor (BDNF)].

(e) Die Exposition gegenüber belastender Umweltfaktoren fördert die Aktivierung von Entzündungssignalen (NF-kB) durch erhöhte proinflammatorische Antworten des Nervensystems [Freisetzung von Noradrenalin (NE), das α (αAR) und β (AR) Adrenozeptoren bindet] (in orange dargestellt). (f) Stressoren sperren den vagalen Eingang [Freisetzung von Acetylcholin (ACh), das die α7-Untereinheit des nikotinischen Acetylcholinrezeptors (α7nAChR) bindet] (in blau dargestellt). (g) Aktivierung Mitogen-aktivierender Proteine, einschließlich p38 und JNK. Die Funktion von Glucocorticoid-Rezeptoren (GR) ist gehemmt. NF-kB wird durch die negative Regulation von Glucocorticoide als Folge der freien HPA-Achse freigesetzt und ist die Antwort des Gehirns auf Stress (in blau dargestellt).

Quelle: Charles L. Raison, Lucile Capuron, und Andrew H. Miller:
Cytokines sing the blues: inflammation and the pathogenesis of depression. In: Trends Immunol. Januar 2006; 27(1): S. 24–31.

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